Christoph Strässer

22.08.2014

Strässer: "Wir dürfen uns nicht um die Diskussion über Waffenlieferungen für die Kurden drücken, allerdings muss der Bundestag miteinbezogen werden"

Interview erschienen in den Westfälischen Nachrichten am 22.08.2014 Redakteurin der WN: Claudia Kramer-Santel WN: Sie haben in der Region Dohuk ein Flüchtlingslager besucht. Was waren Ihre Eindrücke? Strässer: So etwas Schlimmes habe ich noch nie gesehen. Wir sind drei Stunden über Land herausgefahren in ein Flüchtlingslager nahe der türkischen Grenze. Dort sind über 12 000 Menschen untergebracht, es ist aber nur für rund 2500 ausgerichtet. So viel Verzweiflung und Mutlosigkeit in den Augen der Menschen. Das war überall spürbar. Kein Flüchtling ist in einer komfortablen Situation, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Ein Großteil der Flüchtlinge ist völlig ohne Gepäck angekommen. Die Zelte der Menschen waren leer. Dazu kommt: Fast alle sind traumatisiert. Ein zwölfjähriges Mädchen beispielsweise hat mitanschauen müssen, wie ihre Großmutter geköpft wurde. Es war – furchtbar. WN: Wer wird dort konkret von der Terrormiliz IS verfolgt? Strässer: Es ist eine gemischte Gruppe von Minderheiten. Überwiegend sind es Jesiden, offenbar mehrere Hunderttausend, aber auch ganz verschiedene christliche Minderheiten. Das Problem: Die IS-Miliz gibt diesen Menschen vor: Entweder ihr tretet zu unserem Glauben über, oder wir ermorden Euch. Da gibt es keinerlei Verhandlungsspielraum. Die Menschen haben keine andere Chance, als aus den von der IS besetzten Gebieten schnell herauszukommen. In der Region Dohuk ist die Lage relativ stabil. Dort kämpft man mit dem Pro­blem, dass 200 der 600 Schulen mit Flüchtlingen besetzt sind. WN: Deutschland will nun auch Waffen für die kurdische Armee im Irak liefern. Kann man mit todbringenden Waffen Menschenrechte durchsetzen? Und braucht es dazu den Bundestag? Strässer: Im Grunde haben im Nordirak viele Menschen nur überlebt, weil die Amerikaner eingegriffen haben und weil sie dort Korridore geschaffen haben, die die Flucht ermöglichen. Auch wenn ich militärische Einsätze grundsätzlich problematisch sehe: Dass man hier mit Militär unterstützen muss, daran habe ich auch noch keine laute Kritik gehört. Sicher: Die Verstärkung der humanitären Hilfe muss das A und O bleiben. Aber wir können uns vor der Diskussion, den kurdischen Armee Ausrüstung zur Verfügung zu stellen, nicht drücken. Dabei muss allerdings auch der Bundestag miteinbezogen werden. Bei so gravierenden Entscheidungen möchte ich einfach auch als Parlamentarier mitwirken. WN: Wo muss die humanitäre Hilfe ausgedehnt werden? Strässer: Wir wollten uns informieren, ob das, was wir geliefert haben – Zelte, Decken, Kanister und Kochgelegenheiten – auch ankommt. Wir haben einen positiven Eindruck erhalten, Die Hilfsgüter werden auch gebraucht. Es gibt drei große Bereiche, in denen wir nun rasch Weiteres tun wollen. Der Winter steht bevor, und in den Zelten können die meisten Menschen nicht überleben. Deshalb werden wir uns schnell um Wellblechhütten kümmern müssen. Diese Container kosten pro Stück rund 5000 Euro. Die können auch vor Ort in der Region produziert werden. Dann muss die sanitäre Ausstattung verbessert werden. Doch daneben brauchen wir unbedingt Trauma-Spezialisten für die völlig verunsicherten Flüchtlinge.