Christoph Strässer

06.02.2014

Olympische Spiele: „Die Verbände haben das nicht richtig geregelt“

Münster - Deutliche Kritik an den großen internationalen Sportverbänden und an der Vergabe der Olympischen Winterspiele nach Sotschi hat der neue Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer, geübt. „Insbesondere beim IOC (Internationales Olympisches Komitee) ist ja nichts, was wir ansatzweise als demokratische Kontrolle wahrnehmen würden. Man muss in einen konstruktiven Dialog darüber eintreten, wie man die Struktur dieser Verbände verändern kann“, forderte der SPD-Politiker im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten. Der russische Präsident Wladimir Putin werde diese Spiele dazu nutzen, sich und seine Position in Russland und gegenüber der Welt zu stärken. Menschenrechtsverstöße, Korruption: Werden dies Putins Spiele? Strässer: Ich gehe im Moment wirklich davon aus, dass Putin diese Spiele dazu nutzen wird, sich und seine Position in Russland und auch gegenüber der Welt zu stärken. Alles was da läuft – Umweltzerstörung, die Sicherheitslage – sind Dinge, die diejenigen, die die Spiele nach Sotschi vergeben haben, ja auch gewusst haben. Das macht die Lage leider nicht so schön. Muss die Vergabe der Spiele dann nicht völlig neu überdacht werden? Strässer: Ja. Aber ich bin der Meinung, dass nicht auf dem Rücken der Sportler das ausgetragen werden sollte, was Politiker und große Sportverbände zuvor nicht richtig geregelt haben. Ich habe die Diskussion bereits 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking erlebt. Es wird überhaupt keine Rücksicht genommen auf Menschen- und Freiheitsrechte. Das ist ein ganz, ganz falscher Ansatz. Das Kernproblem liegt in der Strukturen in internationalen Sportorganisationen. Insbesondere beim IOC (Internationales Olympisches Komitee) ist ja nichts, was wir ansatzweise als demokratische Kontrolle wahrnehmen würden. Man muss in einen kons­truktiven Dialog darüber eintreten, wie man die Struktur dieser Verbände verändern kann. Was ich mindestens so schlecht finde ist übrigens die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nach Katar. In Sotschi solle es ja in 16 Kilometer Entfernung Protestzonen geben ... Strässer: Na ja, das ist der Versuch, ein bisschen etwas zu bemänteln, dann finden aber die Proteste nicht mehr in der Öffentlichkeit statt. Mit Offenheit und Demonstrationsfreiheit hat das nichts zu tun. Ich glaube nicht mehr daran, dass man durch Olympische Spiele die Menschenrechtslage verbessern kann. Die großen Linien werden nicht verändert, auch wenn Touristen kommen, Kontakte entstehen. Im Gegenteil man muss sich fragen, ob die Spiele nicht die Herrschaft im Land stabilisieren. Wird das Ziel der Völkerverständigung so nicht ausgehöhlt? Strässer: Ich bin zwiegespalten. Die Leute, die ihr Leben lang trainiert haben, werden am meisten bestraft, wenn es um Themen wie Boykott usw. geht. Doch man sollte sich fragen: Muss das wirklich so einen großen Charakter haben, sodass sich kleinere Länder, die nicht so ausgestattet sind, eine Bewerbung gar nicht mehr erlauben können? Wieso werden Arbeitskräfte zu unmenschlichen Bedingungen beim Bau der Stadien beschäftigt? Strässer: Wenn ich da Äußerungen wie von Franz Beckenbauer zu Katar höre, er sei da gewesen und er habe keine Sklaven gesehen ... Also wenn man das so diskutiert, muss man sich um gar nichts mehr Gedanken machen. Haben Sie Verständnis dafür, dass Ex-Kanzler Gerhard Schröder nach Sotschi fährt? Strässer: Das muss jeder selbst wissen. Ich persönlich würde nicht hinfahren, wenn man es tut, sollte man sich wenigstens mit Nichtregierungsorganisationen treffen und dies auch öffentlich machen. Was werden Sie während der Spiele machen? Strässer: Ich werde sicher noch einige Erklärungen abgeben. Man muss die öffentliche Diskussion weiterlaufen lassen, es gibt ja weitere Vergaben, vielleicht kann man in Zukunft mehr bewirken. Von Claudia Kramer-Santel. WN 04.02.2014.