Christoph Strässer

30.08.2013

WN: „Ich bin nicht langweilig“

Sechs Tage nach der Kanzlerin hat der Kanzlerkandidat Peer Steinbrück seinen großen Wahlkampfauftritt in Münster. Die Unterschiede sind deutlich: Weniger Polizei, weniger Kameras, weniger Zuhörer. Über 3000 sind es aber auf jeden Fall, die SPD selbst geht sogar von 4000 aus. Um mit der Begleitmusik anzufangen: Die Trommelband, die am vergangenen Freitag den Auftritt der Kanzlerin Merkel als außerplanmäßige Probestunde missbrauchte, macht an diesem lauschigen Donnerstagabend Pause. Auf jeden Fall hat die Verstärkeranlage, mit der sich der SPD-Kanzler-Kandidat Peer Steinbrück auf dem Domplatz Gehör verschafft, leichtes Spiel. Nur einmal versucht ein Schreihals, Steinbrück in seinem Redefluss zu stoppen. Doch der rhetorisch versierte Polit-Profi bremst den Störer gekonnt aus: „Ich würde Halspastillen verabreichen.“ Applaus beim Publikum, der Mann ist ruhig. Die Menschen erleben einen Peer Steinbrück, der der Kanzlerin vorhält: „Sie fährt gern Kreisverkehr.“ Wie die Faust aufs Auge passt dazu, dass sich Steinbrück selbst ständig im Kreis dreht – weil die Bühne rund ist und von allen Seiten einsehbar. Der SPD-Spitzenkandidat genießt die Anordnung der Bühne sichtlich. Er ist an kein Pult gebunden und kann sich bewegen, während er spricht. Der Abhörskandal um die NSA bietet dem Herausforderer die erste Gelegenheit, um der Kanzlerin ein Zitat vorzuhalten: „Wir warten mal ab.“ Steinbrück setzt gleich einen drauf: „Die ganze Bundesregierung wartet seit vier Jahren ab.“ Doch auch die Linken kriegen ihr Fett weg: Als der SPD-Spitzenkandidat ein Protestplakat gegen Kohlekraftwerke entdeckt, zieht er vom Stapel: „Gegen Atom sein, gegen Kohle sein und dann auch noch gegen Überlandleitungen – das geht nicht“, plädiert er für Augenmaß bei der Energiewende. Ansonsten aber weiß Steinbrück ganz genau, was bei den Zuhörern ankommt. Sätze wie: „Nicht die Mieter sollen den Makler bezahlen, sondern die Vermieter.“ Geschickt kokettiert er auch mit dem Image, im Vergleich mit Angela Merkel nicht so sympathisch zu sein. Er fängt es auf mit Sätzen wie: „Ich bin anstrengend, aber nicht langweilig.“ Auch der Bundestagsabgeordnete Christoph Strässer nutzt die große Bühne, die ihm der Steinbrück-Auftritt beschert. Applaus brandet auf, als Strässer ein Verbot der NPD fordert und sich dafür ausspricht, syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Übrigens: Steinbrück empfiehlt den Zuhörern augenzwinkernd, am 22. September Strässer zu wählen. „Damit er mich zum Kanzler wählen kann.“