Christoph Strässer

29.08.2013

Kanzlerkandidat auf dem Domplatz

Bemerkenswert locker und entspannt wirkt er, der Mann, der so oft als verkopft und distanziert beschrieben wird. Das Wahlkampfformat, mit dem er durchs Land tourt, kommt dem entgegen: Vor dem Dom steht Steinbrück Donnerstagnachmittag auf einer winzigen Empore, die mitten unter einem riesigen Zeltdach platziert ist. Sternförmig darum gruppiert sitzen seine potenziellen Wähler an langen Tischen, auf Tuchfühlung und fast auf Augenhöhe mit dem Kandidaten. Der hat sich vor seinem Auftritt noch schnell im Garten des Marktcafés ein Eis bestellt, während im Zelt bereits die sechs SPD-Bundestagskandidaten aus dem Münsterland vorgestellt werden. Alle sind bedacht, die Kernthemen ihrer Partei und die Unterschiede zur CDU herauszustellen. Gesetzlicher Mindestlohn, Mietpreisbremse, Rentenkonzept: "Dafür steht nur die SPD", ruft Münsters Bewerber Christoph Strässer. Und in Person natürlich "der beste Mann, den die Sozialdemokratie hat". Unter Applaus steigt Steinbrück auf die Empore, breitet die Arme aus und fordert die Münsteraner auf: "Lassen Sie uns über Politik reden." Hunderte von Kärtchen haben die SPD-Helfer zuvor eingesammelt, auf jedem steht eine Frage aus dem Publikum, gut ein Dutzend beantwortet der Kanzlerkandidat in der folgenden Stunde. Es geht um Bildungspolitik, Steuerflucht und NSA. Steinbrück verspricht eine schnelle Pflegereform und erklärt den Euro für stabil, bekennt aber, dass er nicht an einen schnellen Ausstieg aus der Kohle glaubt. Klare Position bezieht er in der Syrien-Frage: Ein gemeinsames Vorgehen der G 20-Staaten gegen die "Kriegsverbrechen" dort sei "viel wertvoller als eine militärische Strafaktion". Grüne oder Linke erwähnt Steinbrück mit keinem Wort, auch nicht die weiter schlechten Umfrageergebnisse für die SPD. Er schießt sich voll auf die CDU und ihre Kanzlerin ein, die vor einer Woche an gleicher Stelle stand: "In 24 Tagen sind Sie die tatenloseste und zerstrittenste Bundesregierung seit der Wiedervereinigung los", verkündet er kämpferisch. "Peer, I love you", steht auf einem Plakat in der Menge. "Ich bin anstrengend", hatte Steinbrück kurz zuvor gesagt. "Aber wenigstens wissen Sie, woran Sie mit mir sind." Text: Jörg Gierse erschienen bei der MZ online am 29.08.2013 Link siehe unten Foto: Pat Röhring