Christoph Strässer

21.08.2013

Gespräche an der Promenade

Das große Plakat gegenüber hat die SPD nicht überklebt. "Wir für ein Alter ohne Armut", lautet der Wahlkampfslogan darauf, jemand hat mit Sprühfarbe aus dem "Wir" ein "Bier" gemacht. Frank-Walter Steinmeier hat den Fauxpas nicht bemerkt. Er sitzt auf einer Bank in der Sonne, schreibt Autogramme für die Basis und ist bester Laune. Der erste Besuch eines Partei-Promis bei der münsterschen SPD in diesem Wahlkampf fällt so entspannt wie familiär aus. Drei rot-weiße Zelte, ein halbes Dutzend Biertische und eine kleine Bühne stehen auf der Wiese an der Ecke Promenade und Kanalstraße. Rund 200 Menschen versorgen sich mit Kaffee und Wasser, Wurstbrötchen und Käsestullen. Geschätzt die Hälfte hat ein rotes Parteibuch. Der dunkle Mercedes mit Blaulicht, der im Schatten der Bäume parkt, ist das einzige Zeichen, dass unter ihnen ein Spitzen-Genosse ist. Auf Augenhöhe "Stephan mit ph?", fragt der SPD-Fraktionschef den jungen Mann, der ihm ein Buch zum Signieren hinhält. Steinmeier, vor vier Jahren noch selbst Kanzlerkandidat seiner Partei, ist auf Augenhöhe mit den Wählern gegangen – ganz wie es alle SPD-Politiker im Bundestagswahlkampf tun sollen. Ihm liegt das. Geduldig hört er sich die Sorgen der sehbehinderten Frau an, der die Krankenkasse keine Kontaktlinsen zahlen will, spricht mit dem Wissenschaftler, der an der Uni nur Zeitverträge und keine Perspektive bekommt, antwortet auf Fragen zu Datenschutz, Eurobonds, Kita-Plätzen. Und beißt zwischendurch in eine Bratwurstsemmel. Vorher, in seiner kurzen Ansprache, hat Steinmeier die derzeitigen sozialdemokratischen Kernthemen angerissen. Her mit dem Mindestlohn, weg mit dem "völlig unsinnigen" Betreuungsgeld. Und: "Wer 45 Jahre lang gearbeitet hat, muss abschlagsfrei in den Ruhestand gehen." Das, sagt Steinmeier, seien die Themen, die den Deutschen auf den Nägeln brennen, Fragen der sozialen Gerechtigkeit: "Darauf haben wir Antworten. Und darum ist es nicht egal, wer regiert." "Kein Wolkenschieber" Noch ein Foto mit den ebenfalls anwesenden SPD-Kandidaten aus dem Münsterland, noch ein Statement für die lokale Partei-Homepage. Steinmeier nimmt sich Zeit, fast zwei Stunden. Und lobt, bevor er Richtung Iserlohn verschwindet, den Mann, der ihn eingeladen hat. "Christoph Strässer ist ein Abgeordneter wie kein Zweiter", sagt er. "Kein Aufschneider, kein Wolkenschieber, sondern einer, der über den Tellerrand hinausdenkt." Und den er in Berlin unbedingt wieder dabeihaben wolle – wenn möglich, ausgestattet mit dem Direktmandat. Artikel erschienen in der MZ vom 21.08.2013 (Link unten). Autor: Jörg Gierse Foto: Pat Röhring Außerdem finden Sie unter den unten stehenden Links ein Video des Besuches von Frank-Walter Steinmeier.