Christoph Strässer

05.06.2011

Die Rechte der Menschen im Zentrum der Diskussion

„Das ist ein Thema, dass das Wesen des Parlamentarismus deutlich macht. Die Meinungen gehen quer durch die Fraktionen und konsequenterweise wird auch keine Fraktionsdisziplin vorgeschrieben.“ Christoph Strässer gehört zu den Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die sehr engagiert die Diskussion um ein Für und Wider der Präimplantationsdiagnostik (PID) führen. Und nicht alle Abgeordneten, mit denen er in dieser Frage einer Meinung ist, gehören seiner Partei, der SPD, an. Was ist an PID so brisant, dass der Fraktionszwang aufgehoben und die Abgeordneten des Bundestages fraktionsübergreifende Allianzen eingehen? Auf einer Veranstaltung der SPD-Frauen Münsters stellte Strässer die Diskussion um PID vor und beschrieb seine Positionen. Unter Präimplantationsdiagnostik versteht man Untersuchungen, die dazu dienen, bei einem durch in-vitro-Fertilisation, also „künstlich“ erzeugten Embryo bestimmte Erbkrankheiten und Besonderheiten der Chromosomen vor der Implantation in den Mutterleib zu erkennen. Zweck der Diagnose ist es, eine Hilfe bei der Entscheidung zu sein, ob der Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt werden soll oder nicht. Und genau an dieser Entscheidung trennen sich die Meinungen. Insgesamt drei Anträge liegen dem Deutschen Bundestag zum Thema PID vor. Hinter jedem Antrag stehen Abgeordnete aus verschiedenen Parteien. Alle drei Anträge sehen ein grundsätzliches PID-Verbot vor. Zwei der drei Anträge lassen allerdings Ausnahmen von diesem Verbot zu. Christoph Strässer unterstützt einen Antrag, der für den Fall Ausnahmen zulässt, dass bei den Eltern oder einem Elternteil eine genetische Disposition vorliegt, aufgrund derer eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine schwerwiegende Erbkrankheit der Nachkommen besteht. „Für mich steht außer Frage, dass jedes Leben lebenswert ist. Aber zugleich gibt es Menschen mit Veranlagungen zu Fehl- oder Totgeburten. Diesen Menschen die Hilfe zu verweigern, die ihnen PID bieten kann, ist auch nicht verantwortbar. Wir haben also einen realen Widerspruch an dem wir meines Erachtens arbeiten sollten. Wichtig für mich ist, dass wir einen Dammbruch verhindern, mit dem jegliche Form von Selektion bis hin zur Auswahl der Embryonen für sogenannte „Designerbabys“ möglich würde.“ Strässers Position vertreten zurzeit auch der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Frank-Walter Steinmeier und Brigitte Zypries, Vorsitzende des Kuratoriums des Deutschen Behindertensportverbands e.V. (DBS) und des Nationalen Paralympischen Komitees für Deutschland (NPC), sowie viele weitere Abgeordnete aus allen Fraktionen. Der zweite Antrag, den unter anderem die SPD-Abgeordneten Rene Röspel und Daniela Kolbe unterstützen, fasst die Ausnahme, unter denen PID erlaubt werden kann enger. PID soll nur dann vorgenommen werden, wenn durch eine genetische Schädigung das Risiko einer Totgeburt oder des Todes im ersten Lebensjahr besteht. Nach beiden Entwürfen müssen dann noch weitere Voraussetzungen vorliegen: medizinische und psychologische Beratung durch fachlich geschulte Ärzte, die schriftliche Einwilligung der Mutter nach dieser Beratung und einem positiven Votum einer interdisziplinär zusammengesetzten Ethikkommission sowie die Durchführung in einem lizenzierten Zentrum für PID. Diejenigen, die ein Verbot der PID ohne Ausnahmen befürworten, befürchten, dass durch das Aussortieren von künstlich erzeugten Embryos vor der Implantation menschliches Leben nach Nützlichkeitserwägungen, nach Kriterien wie Gesundheit und Freiheit von Behinderungen definiert wird. Zu den strikten Gegnerinnen von PID gehören auch Andrea Nahles, die sich damit gemeinsam mit den christlichen Kirchen und anderen Parlamentariern, zu denen beispielsweise auch die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt gehört, hinter ein komplettes Verbot der PID stellt. Anneka Beck, Frauenbeauftragte der SPD Münster, führte durch die lebhafte Diskussion unter den SPD-Frauen, zu denen sich auch einige wenige SPD-Männer gesellten. Die verschiedenen Positionen und damit einhergehenden ethischen und wissenschaftlichen Fragen wurden in einer zwar engagierten aber zugleich sachlichen und sehr ernsthaften Atmosphäre diskutiert, ohne dass am Ende – ähnlich den Bundestagsfraktionen – eine Festlegung auf eine Position erfolgte.