Christoph Strässer

31.01.2007

Die Gedanken sind nicht frei ...!

Die Entscheidung des türkischen Nobelpreisträgers für Literatur Orhan Pamuk, nach massiven Drohungen seine Reise nach Deutschland abzusagen, ist bedauerlich, aber verständlich. Sein Programm in Deutschland beinhaltete nicht nur zahlreiche Literaturlesungen, sondern auch eine Auszeichnung mit der Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin. All diese öffentlichen Veranstaltungen in einem Gefühl der ständigen Bedrohung absolvieren zu müssen, ist nicht zumutbar. Nicht die Reise speziell nach Deutschland wird als Risiko angesehen, sondern Auftritte in der Öffentlichkeit schlechthin. Der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink hat dies vor kurzem mit seinem Leben bezahlt. Nationalisten haben sich an ihm gerächt, weil er von der Türkei die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern forderte. So beeindruckend in Istanbul die Demonstration der Solidarität mit dem ermordeten Hrant Dink war, so deutlich wurden auch die starken politischen Spannungen im Land, die sich vor den Präsidentschaftswahlen im April noch steigern dürften. Hrant Dink wie Orhan Pamuk und viele andere kritische Intellektuelle waren nach § 301, der die Beleidigung des Türkentums verbietet, verurteilt worden. Seit langem bereits fordert die Europäische Union die Abschaffung dieses Paragraphen, der die Meinungsfreiheit einschränkt und den radikalen Nationalismus fördert. Ministerpräsident Erdogan setzt ein falsches Signal, wenn er den Paragraphen nur verändern, aber nicht völlig abschaffen will. Die Türkei hat nicht zuletzt durch seine Politik ihren Weg nach Europa eingeschlagen. Orhan Pamuk könnte ein idealer Botschafter einer offenen und pluralistischen Türkei sein. Dazu aber braucht er die Unterstützung seines Landes.