Christoph Strässer

23.03.2006

Kein Todesurteil gegen Abdul Rahman verhängen!

Die mögliche Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in Kabul hat zurecht weltweit Empörung hervorgerufen: Wegen seines Übertritts vom Islam zum Christentum droht dem schon vor vielen Jahren konvertierten Afghanen Abdul Rahman das Todesurteil. Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, damit das Urteil weder verhängt noch vollstreckt wird. Bei aller Empörung muss jedoch darauf geachtet werden, dass Abdul Rahman nicht zum politischen Spielball wird. So berechtigt die Sorge vor einem Todesurteil ist, so falsch wäre es, dies mit einer Pauschalkritik am Islam zu verbinden. Dies würde die Lage des Angeklagten nur erschweren. Die Theologen des Obersten Gerichtshofs verstehen sich als Hüter der reinen Lehre und sorgen sich um zu starke westliche Einflüsse im Land. Für diese Einflüsse steht in den Augen vieler Afghanen auch Präsident Karsai selbst, der stets eine politische Gratwanderung zwischen den Erwartungen der westlichen Geldgeber und den Werten und Normen der lokalen Stammesgesellschaften zu absolvieren hat. In jedem Fall wäre es ein falsches Signal, den Islam insgesamt an den Pranger zu stellen. Der Koran selbst fordert kein Todesurteil für Konvertiten, und das islamische Recht, die Scharia, bietet viele Ermessensspielräume. Es ist Aufgabe der Rechtsgelehrten, aus der Scharia Urteile abzuleiten, die der aktuellen Situation entsprechen. Die Geschichte der islamischen Rechtssprechung bietet viele Belege für Reformierbarkeit und Interpretationsmöglichkeiten der Scharia. Ihre strikte Auslegung, wie wir dies auch in Iran, in Saudi-Arabien oder im Norden Nigerias erleben, dient nicht selten dazu, vermeintliche Gefahren abzuwenden und islamisches Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Es ist richtig, dass die Verfassung Afghanistans auf der heiligen Religion des Islam basiert. Zugleich jedoch sichert die Verfassung Religionsfreiheit zu und ist Afghanistan zur Einhaltung internationaler Konventionen verpflichtet. Unsere Argumentation sollte sich daher auf das Völkerrecht stützen und damit deutlich machen, dass Menschenrechte - wie in diesem Fall die Religionsfreiheit - unabhängig von der Kultur eines Landes gewährleistet werden müssen. Dies gilt insbesondere auch für das Recht auf Leben. Völlig verfehlt sind die Forderungen der FDP nach Konsequenzen für die deutsche Afghanistanpolitik - im Gegenteil: Wir wollen weiterhin dazu beitragen, dass Afghanistan auf dem Weg hin zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vorankommt. In der gegenwärtigen Lage wollen wir vor allem nichts tun, was dem Gericht und der afghanischen Regierung einen für Muslime akzeptablen Ausweg aus der schwierigen Situation verbauen könnte. Angesichts der bisherigen Praxis in Afghanistan ist die Hoffnung durchaus berechtigt, dass Abdul Rahman nicht hingerichtet wird.